...völlig ablehnen, mit der Argumentation, dass es das Ziel einer jeden Ausbildung sein muss, das Pferd nach und nach deutlicher unter den Schwerpunkt treten zu lassen, um somit einen höheren Versammlungsgrad zu erreichen. Nach diesen Lehren sind daher alle Übungen und Lektionen so zu wählen, dass sie dieses Ziel unterstützen. Da aber weder das Schenkelweichen noch das Viereck Verkleinern und Vergrößern vom Pferd verlangen, unter den Schwerpunkt zu treten, sondern lediglich, hinter diesem zu kreuzen, fallen sie als nicht zielführende Lektionen durchs Raster.

 

Mir persönlich ist das zu eindimensional gedacht. Eine Lektion besteht immer aus mehreren unterschiedlichen Bestandteilen, und wer eine Übung nur danach bewertet, wie stark sie die Versammlungsfähigkeit verbessert, beraubt sich meiner Meinung nach einer Vielzahl anderer positiver Aspekte. Zudem müssen bereits einige wesentliche Voraussetzungen beim Pferd vorhanden sein, damit es überhaupt vermehrt unter den Schwerpunkt treten kann, wie z. B.    

 

  • das Erkennen der Hilfengebung und deren korrekter Umsetzung,
  • der Umgang mit der eigenen Balance (beginnendes Leichtwerden der Vorhand als Voraussetzung für eine Schwerpunktverlagerung nach hinten),
  • die Koordination der eigenen Bewegungen,
  • die Beweglichkeit des Körpers (Elastizität der Muskulatur, Beugefähigkeit der Gelenke) und somit
  • eine zumindest beginnende Tragfähigkeit der Hinterhand.

Diese fünf Aspekte, die übrigens in unterschiedlichen Kombinationen zu fast jeder Lektion gehören, können meines Erachtens durchaus losgelöst voneinander und auch losgelöst von anderen zusätzlichen Schwerpunkten trainiert werden. Wird der Fokus auf lediglich ein oder zwei dieser Punkte gelegt, sinkt die Trainingsanforderung im positiven Sinne und das Lernen wird erleichtert. Dies gilt selbstverständlich für Pferd und Reiter, denn gerade die Bereiche Hilfengebung, Balance, Koordination und Beweglichkeit gelten für beide in ähnlichem Maße.

 

Unter diesen Gesichtspunkten sind das Schenkelweichen und das Viereck Verkleinern und Vergrößern in meinen Augen hervorragende Lektionen, die dein Pferd und dich gut auf die im späteren Verlauf der Ausbildung zu erarbeitenden Seitengänge vorbereiten. Daher haben beide Übungen in der deutschen Reitlehre auch einen festen und verdienten Platz.

Das Schenkelweichen genauso wie das Viereck Verkleinern und Vergrößern werden ohne Biegung, jedoch mit Stellung geritten. Die Stellung erfolgt entgegen der Bewegungsrichtung, was bedeutet, dass dein Pferd leicht nach links gestellt ist, wenn du den linken Schenkel weichen lässt, da die Bewegungsrichtung nach rechts verläuft.

Ähnlich wie bei der Vorhandwendung ist die Stellung einer der Knackpunkte der Übungen, da sie leider oft übertrieben wird und dadurch schnell ein im Hals verbogenes Pferd erzeugt. Wenn das passiert, ist eine korrekte Ausführung der jeweiligen Übung kaum noch möglich, da das Pferd über die dadurch geöffnete gegenüberliegende Schulter ausweicht. Als Ergebnis entsteht eine verbogene Lektion mit kaum kreuzenden Elementen der Beine, da sich der Rumpf parallel zur Bewegungsrichtung dreht.

 

Gerade deshalb finde ich es zu Beginn von Vorteil, die Stellung tatsächlich nur anzudeuten oder sogar ganz auf sie zu verzichten.

 

Aufgrund der unterschiedlichen Linienführung ist das Viereck Verkleinern und Vergrößern leichter als das Schenkelweichen. Die Möglichkeit, sich deutlicher nach vorwärts zu entwickeln, kommt dem Pferd sowie dem Reiter zugute.

 

Obwohl es weit verbreitet ist, reite ich persönlich das Schenkelweichen auf dem ersten Hufschlag nie mit Blickrichtung zur Bande und fordere es auch nicht von meinen Schülern. Mir widerstrebt es, Pferde in diese unschöne Situation zu bringen, mit dem Kopf an der Wand entlangschrammen zu müssen. Es wird zwar gerne argumentiert, die Wand helfe dem ungeübten Reiter beim Erlernen der Hilfengebung, das kann ich aber so nicht bestätigen. Ich empfinde die Bande sogar als eher nachteilig, denn der Schüler verlässt sich oft zu sehr auf sie. Lässt man das gleiche Reiter-Pferd-Paar die Übung nach einiger Zeit mit Blickrichtung ins Bahninnere reiten, misslingt sie in 95 Prozent der Fälle, weil der Reiter nie gelernt hat, tatsächlich mit dem Pferd zu kommunizieren, und die Reise geht ohne gewohnte Begrenzung, munter ins ungewollte Vorwärts. Ich empfehle zur Entwicklung des Schenkelweichens die Mittellinie. Wenn du mit deinem Pferd zuvor das Viereck Verkleinern und Vergrößern von Trainingskarte Nr. 2 und das Übertreten auf der Kreislinie von Trainingskarte Nr. 3 erarbeitet hast, sollte dir auch das Schenkelweichen ohne Bande keine allzu großen Probleme bereiten.

 

 

 

Das Schenkelweichen sowie das Viereck Verkleinern und Vergrößern können sowohl im Schritt als auch im Trab geritten werden. Im Schritt solltest du ein Lektionstempo wählen, das leicht unter dem des Mittelschrittes liegt. Das ruhige Tempo ist in zweifacher Hinsicht von Vorteil: Zum einen gewinnt die Übung durch das ruhigere Tempo an Ausdruck, da es deinem Pferd ermöglicht, die einzelnen Schritte und Bewegungen bewusst auszuführen, zu erfühlen und sie so auch besser abspeichern zu können. Zum anderem hast du Zeit, deine Hilfengebung auf die einzelnen Bewegungen und Phasen der Übung zu koordinieren und auch deinen Sitz geschmeidig den sich ändernden Bewegungen deines Pferdes anzupassen.

 

Deswegen solltest du gerade dann, wenn ihr damit beginnt, euch die Übungen zu erarbeiten, auf ein ruhiges Tempo achten. Trotz der Ruhe sollte der gleichmäßige Takt deines Pferdes sauber erhalten bleiben, damit eine flüssige Ausführung der Übung entsteht.